schrift

'post-ost' (fragmente, osteuropa, 2011)
und aus dem osten wird ja,
schon laengst,
ein post-osten.
und der osten ist dann,
und schon längst,
keine himmelsrichtung mehr.
transformation eines dazugehoerenwollens und eines angleichenden aufkaufenwollens, der schmale grat dazwischen und die neugier ueber das, was bleiben, ueber das, was kommen wird. die frage nach identaet(en) und (ver)einheit(lichung), nach (inter-)nationalisierung.
einreise nach belgrad. ein kosovostempel von 2008 wird mit ANNULLIERT ueberdruckt. dann eine erneute einreise in den kosovo, ein neuer kosovostempel ueber den neuen serbischen einreisestempel, ein neues ungueltig wird dann, irgendwann, eine andere gueltigkeit im gegenzug ebenfalls annullieren.
konservenezan
ohne anmut, ich erinnere, ulcinj besteht zu 70 prozent aus albanern, ich beobachte die rituale, das füße waschen, da unter dem balkon meines heutigen asyls, im hofe einer neuen moschee, zielstrebiges eilen durch die gassen, rhamaddan, dem ruf wird gefolgt, zur rueckseite hin, abseits des badetourismus, und die lautsprecher sind kaputt, die cd hakt, ezan aus der konserve, hier, blechern und verzogen. (ulcinj, montenegro)
islamisierung
moscheenbau, eigentlich ist ihnen die religion egal, sagen sie, und wenn neue moscheen, die keiner braucht, gebaut werden, von auslaendischen investoren, da koennen sie nichts dagegen sagen, ja nur weil dann sie die boesen waeren. (tirana, albanien)
post-ost: ostalgie
es hat wohl begonnen, wie in albanien, so auch in mazedonien; die souvenirstaende bieten nun relikte, andenken und gebrauchsgegenstände aus kommunistischen und jugoslawischen zeiten an. der erste schritt in den westen, das ueberkommen und gleichzeitige zuruecksehnen, die vermarktung der vergangenheit?
landesflaggen, grenzen und nationalisierung
grenzen so jung, und sie kaempfen, ja bloss, um sie bald wieder aufgeben zu koennen, fuer die europaeische union, und dafuer, ja, dafuer muss die nationalitaet aber erst einmal stark genug sein, also flaggen ueberall, wie farbkleckse auf braunem trockenen grund des landes und der laender, ein proklamierter nationalismus, glauben machen. wie sonst? und fragt man sie dann, vermissen sie jugoslawien, betrachten sich als jugoslawisch und wissen dann gar nicht, warum sie ploetzlich eine andere nationalitaet haben sollen und dann sind sie mit einer kreation verschiedener nationalismen konfrontiert, die sie daran hindern, zu ihren nachbarn und ehemaligen landsleuten zu reisen. Und dann wieder ueberall landesfahnen und sind die jungen laender dann national und kapitalistisch genug, ja dann brauchen sie diese neuen grenzstationen, die sie gerade erst gebaut haben und bauen, gar nicht mehr, ja dann soll die erst entstandene nationalitaet und identitaet fuer die eine grosse wieder verworfen werden, weil dann die gemeinsame grosse frage zaehlen soll, die ja mehr sein soll als wirtschaft. ein einheitliches europa, was ist das ueberhaupt?
drei welten
eine realitaet, nicht zwiegespalten, wie man glauben mag, der kontrast besteht nicht aus arm und reich, nicht aus kosovoalbanisch und serbischer restbehauptung, nein, vielmehr ist es eine dreiteilung, da die un- und kfor-gruppen, die stationierten soldaten, in pristina ueberwiegend amerikanisch, fest zum stadtbild dazugehoeren. genau wie ihre familien und kinder, die in einem auslaendischen schick und verzogenem, unverhaeltnismaessigem reichtum aufwachsen, das land imperialisieren - und doch sind die albanerkinder gluecklich, umarmen die amerikanischen soldaten und ich frage mich, ob es damals nach dem zweiten weltkrieg aehnlich war, wo deutsche kinder lachten und fragten “chewing gum please”. dankbarkeit fuer schutz, kreation und konservierung, fuer proklamierung und anwerbung eines nationalismus. und neben den kosovoflaggen haengen dann auch oft amerikanische und albanische flaggen. und dann gibt es eine kulturveranstaltung, im herzen prishtinas, der einkaufsstrasse, und da ist dann eine kleine buehne aufgebaut und amerikanische soldaten in uniform machen soundcheck “you know, some of us are music teachers back home” und ihr uniformt-shirt traegt die aufschrift “camp bondsteel”, mich verwirrt dieser name, befremdet mich und ich merke, wie fremd ich eigentlich bin, was mache ich hier? und albanische kinder kommen angerannt, umarmen sie, beruehren die instrumente. die vorband ist kosovo-albanisch, kinder tanzen, lachen, windelpopos wackeln unreflektiert, unschuldig, dann der hauptact ‘camp bondsteel’ präsentiert amerikanischen jazz, die tanzenden kindern werden ruhig, die passanten ziehen weiter, beobachtung und protokoll dieser ploetzlich highschool aehnlichen und irgendwie traurigen veranstaltung, ploetzlich ist die strasse leer, die lautsprecher scheinen nicht zu verstehen wie diese musikalischen versuche zu transportieren und dann hoert gar niemand mehr zu und camp bondsteel hat auch nicht verstanden, dass ihre musik dort nicht traegt, dort in dieser jungen hauptstadt, die doch ihre eigene identitaet sucht. (pristina, kosovo)
der gemeinsame nenner
es gibt keinen gemeinsamen nenner mehr. der neue ist das fernziel aller – aber es ist eben nicht kulturell – die europäische union. ihren eigenen haben sie nicht, also proklamieren sie nationalismus als uebergangsloesung.
der osten ist die differenz(ierung) der dinge.
an der busstation in prishtina, 9.30h, konversation mit einem busfahrer:
- du deutschmark?
- ähhm...
- du deutschland!? deutschland!?
- Ähhhm... ja?!
wahrscheinlich hat der fahrer hier noch mit beidem recht.
germany is the mother, and US the father of europe! sagte ein anderer.
zwei grenzen eines landes
melonenfelder im noerdlichen albanien, vor montenegro.
hoxhas ein-mann-bunker in gleicher aesthetik, betonmelonenhaelften auf trockenem, braunen grund an der mazedonischen grenze. und beides sieht gleichermassen irgendwie so niedlich und unschuldig aus. ein-mann-bunker, die keine kriege fuehrten oder verteidigten, ein-mann-bunker die heutzutage erstmalig benutzt werden, als getreidespeicher von und für bauern, da vor der grenze zu mazedonien.
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